Agrimony – Der Kleine Odermennig (Agrimonia eupatoria L.)

Blühender Kleiner Odermennig (Agrimonia eupatoria) mit leuchtend gelben Blütenständen an einem sonnigen Waldrand

In diesem umfassenden Artikel betrachten wir den Kleinen Odermennig (Agrimonia eupatoria L.) nicht aus dem Blickwinkel wissenschaftlich ungesicherter Vermutungen, sondern auf Basis harter botanischer, biochemischer und klinisch-pharmakologischer Fakten. Wo hat die Pflanze ihren festen Platz in der evidenzbasierten Schulmedizin? Was berichtet die pharmazeutische Forschung, und wie ordnet man historische Überlieferungen von Hildegard von Bingen bis hin zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sowie ethnobotanische Bräuche sachlich ein?

1. Botanische Merkmale, Taxonomie und Standortanforderungen

Makroaufnahme der unterbrochen gefiederten Blattunterseite von Agrimonia eupatoria mit silbrig-filziger Behaarung
Detailansicht der gefiederten Blattstruktur

Der Kleine Odermennig (Agrimonia eupatoria L.) gehört zur botanischen Familie der Rosengewächse (Rosaceae) und zur Unterfamilie Rosoideae. Die Pflanze ist eine mehrjährige, ausdauernde krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 30 bis meist 60 cm (unter optimalen Bedingungen bis zu 100 cm) erreicht.

Botanischer Name: Agrimonia eupatoria L. (Unterarten: subsp. eupatoria, subsp. grandis)

Drogenname (Ph. Eur.): Agrimoniae herba (Odermennigkraut: die getrockneten, blühenden Triebspitzen)

Familie: Rosengewächse (Rosaceae)

Synonyme / Volksnamen: Königskraut, Heil aller Welt, Brustwurz, Magenkraut, Klettenkraut, Schafklette, Steinkraut, Lebenskraut

Wuchshöhe & Form: Mehrjährig, 30–60(–100) cm, aufrechter, behaarter Stängel

Blütezeit & Vermehrung: Juni bis August; Aussaat im Frühjahr, Vermehrung durch Wurzelteilung im Herbst

Verbreitung & Standort: Europa, Nordafrika, Westasien. Bis ca. 1600 m ü. NN. Trockenrasen, sonnige Waldränder, Magerrasen

Morphologische Beschreibung

Die Blätter des Odermennigs sind unpaarig gefiedert und bestehen aus kleineren und größeren Teilblättchen, die abwechselnd angeordnet sind (unterbrochen gefiedert). Die Blattunterseite ist dicht grau-filzig behaart und besitzt drüsige Haare, die beim Zerreiben einen leicht aromatischen, schwach aprikosen- bzw. marillenartigen Duft verströmen.

Die Blüten stehen in endständigen, ärenähnlichen Trauben. Die einzelnen Blüten sind radiärsymmetrisch, fünfzählig und besitzen leuchtend gelbe Kronblätter. Ein charakteristisches Merkmal ist der kreiselförmige Blütenbecher (Hypanthium), der an seiner Oberseite mit hakenförmig gekrümmten Borsten besetzt ist. Diese Klettfrüchte dienen der Epichochorie (Klettausbreitung durch Tiere).

Standort und Ökologie

Agrimonia eupatoria bevorzugt kalkhaltige, mäßig trockene bis frische, magere und lockere Böden in sonniger bis halbschattiger Lage. Man findet die Pflanze auf Trockenrasen, an Wegrändern, Gebüschsäumen und lichten Waldrändern bis in Höhenlagen von etwa 1600 Metern. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft und den Eintrag von Stickstoffdüngern in Saumgesellschaften sind die natürlichen Bestände in Mitteleuropa spürbar zurückgegangen. Eine Ansiedlung im naturnahen Kräutergarten ist daher botanisch wie ökologisch äußerst empfehlenswert.

2. Ernte, Konservierung und Phytochemie (Inhaltsstoffe)

Für die pharmazeutische Verwendung wird das blühende Kraut (Agrimoniae herba) zu Beginn der Blütezeit (Juni/Juli) geerntet. Hierbei werden die oberen, blühenden Triebspitzen samt Stängeln und Blättern abgeschnitten.

Fachgerechte Trocknung & Konservierung:

Um die empfindlichen Flavonoide und Polyphenole nicht durch thermische Degeneration zu zerstören, muss das geerntete Kraut gebündelt an einem schattigen, gut belüfteten Ort getrocknet werden. Die Trocknungstemperatur darf 40 °C keinesfalls überschreiten. Nach vollständiger Trocknung wird die Droge zerkleinert und in dichten, lichtgeschützten Glasgefäßen kühl und trocken gelagert, um Feuchtigkeitsaufnahme und Oxidation zu verhindern.

Sekundäre Pflanzenstoffe im Detail

Die therapeutische Wirksamkeit von Odermennigkraut basiert auf einem komplexen Gemisch sekundärer Pflanzenstoffe. Im Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur.) ist ein Mindestgehalt an Gerbstoffen gefordert.

  • Gerbstoffe (Ellag- und Gallotannine sowie Kondensierte Gerbstoffe): Der Gesamtgerbstoffgehalt liegt zwischen 4 % und 10 %. Hauptkomponente ist das dimere Ellagitannin Agrimoniin. Agrimoniin zeigt ausgeprägte adstringierende, entzündungshemmende und zellschützende Eigenschaften. Zudem sind Catechine und Proanthocyanidine enthalten.
  • Flavonoide (1,5–2 %): Das Flavonoidmuster umfasst Glykoside von Quercetin, Kaempferol, Luteolin und Apigenin (z. B. Rutin, Isoquercitrin, Tilirosid). Flavonoide wirken stark antioxidativ und entzündungshemmend.
  • Triterpene: Pentazyklische Triterpene wie Ursolsäure, Oleanolsäure und Corosolsäure tragen zur antibakteriellen und hautregenerierenden Wirkung bei.
  • Kieselsäure (Siliziumdioxid): Ca. 8–12 % der Asche bestehen aus löslichen und unlöslichen Kieselsäureverbindungen, welche das Bindegewebe und Schleimhäute unterstützen.
  • Weitere Inhaltsstoffe: Ätherisches Öl (in Spuren, ca. 0,2 %, verantwortlich für den feinen Duft), Phenolsäuren (Kaffeesäure, Ferulasäure, Ellagsäure, Gallussäure), Bitterstoffe und geringe Mengen Ascorbinsäure (Vitamin C).
Ästhetisches Stillleben mit getrocknetem Odermennigkraut (Agrimoniae herba) in einem dunklen Apotheker-Braunglas
Schonend konservierte Arzneidroge der Phytotherapie

3. Evidenzbasierte Pharmakologie & Wissenschaftliche Studienlage

In der modernen Phytotherapie schätzen wir pflanzliche Urtinkturen und Drogen nicht nach Vermutungen, sondern nach klinischen Daten, pharmakologischen Wirkmechanismen und Monographien offizieller Expertenausschüsse wie dem Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) sowie der deutschen Kommission E.

Anerkannte medizinische Indikationen (HMPC & Kommission E)

Das HMPC stuft Agrimoniae herba als „Traditional Herbal Medicinal Product“ (traditionelles pflanzliches Arzneimittel) für folgende Indikationsgebiete ein:

  1. Linderung leichter unspezifischer akuter Durchfallerkrankungen (Diarrhö): Die enthaltenen Gerbstoffe reagieren mit den Proteinen der Darmschleimhaut. Es kommt zu einer Denaturierung von Oberflächenproteinen (Adstringenz). Dadurch bildet sich eine schützende, verdichtete Membran auf der Schleimhaut, die den Flüssigkeitseinstrom in das Darmlumen reduziert und das Eindringen von Krankheitserregern und Toxinen erschwert.
  2. Symptomatische Behandlung leichter Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut (Stomatitis, Gingivitis, Pharyngitis): Als Gurgellösung wirkt das Kraut entzündungshemmend, lokal schmerzlindernd und antimikrobiell.
  3. Linderung leichter, oberflächlicher Hautentzündungen und kleiner Wunden: Äußerliche Umschläge fördern durch die Eiweißausfällung die Schorfbildung und Wundheilung.

Experimentelle und Klinische Studienergebnisse

In den letzten zwei Jahrzehnten wurde Odermennig intensiv in zellbiologischen und tierexperimentellen Studien beforscht:

  • Entzündungshemmende & Antioxidative Wirkung: Santos et al. (2017) zeigten, dass polyphenolreiche Extrakte aus Agrimonia eupatoria die Freisetzung von Entzündungsmediatoren wie Stickstoffmonoxid (), Prostaglandin  und  in makrophagären Zelllinien signifikant hemmen. Dies erklärt die molekulare Wirkung bei Entzündungen des Magen-Darm-Trakts.
  • Gastrointestinale Schutzwirkung: Studien an Tiermodellen bestätigen, dass Agrimoniin und Flavonoide die Magenschleimhaut vor Ulzerationen schützen und die Darmperistaltik bei hypermotilen Zuständen normalisieren.
  • Hepatoprotektive & Stoffwechselregulierende Eigenschaften: In präklinischen Modellen zeigte ein wässrig-alkoholischer Odermennig-Extrakt eine Reduktion der Lipidperoxidation in der Leber sowie eine Senkung von erhöhten Leberenzymen (ALT, AST). Zudem gaben Tiermodelle Hinweise auf eine Verbesserung der Glukosetoleranz (antidiabetischer Effekt) durch eine verstärkte Insulinsekretion und Glucoseaufnahme in das Gewebe.
  • Antimikrobielle & Antivirale Effekte: In-vitro-Untersuchungen belegen eine Hemmwirkung von Odermennig-Extrakten gegen Gram-positive Bakterien (u. a. Staphylococcus aureus, Streptococcus pyogenes) sowie gegen bestimmte Viren (Hepatitis-B, Influenza). Der Wirkmechanismus beruht auf der Bindung der Gerbstoffe an virale/bakterielle Oberflächenproteine.

4. Odermennig in der Volksmedizin und Medizingeschichte

Der Odermennig blickt auf eine mehrtausendjährige Anwendungstradition zurück. Sein Gattungsname Agrimonia leitet sich vermutlich vom griechischen argemone (ein Heilmittel für Augenerkrankungen) ab, während das Artepitheton eupatoria auf den pontischen König Mithridates VI. Eupator (132–63 v. Chr.) verweist, der als kräuterkundiger Herrscher gilt und das Kraut gegen Leber- und Giftleiden nutzte.

Beispiele historischer Verwendungen

  • Hildegard von Bingen (1098–1179): Die Äbtissin beschrieb den Odermennig in ihrem Werk Physica. Sie empfahl unter anderem die Anwendung bei Sehkraftverlust und Augenleiden. Ihre historische Anweisung lautete, zerstoßenen Odermennig abends auf verdunkelte Augen aufzulegen (verbunden mit einem Tuch, mit der strengen Warnung, dass nichts direkt ins Auge gelangen darf). Aus heutiger Sicht wirkte hier die kühlende, entzündungshemmende Eigenschaft des Krauts bei Lidrandentzündungen oder Schwellungen.
  • Pfarrer Johann Künzle (1857–1945): Der Schweizer Kräuterpfarrer schätzte den Odermennig außerordentlich. Er setzte ihn bevorzugt in Kombination mit Milzkraut (Chrysosplenium) und Salbei bei Erkrankungen der Milz, Gallenstauungen und schweren Mandelentzündungen ein.
  • Volksmedizinische Praxis: Unter Volksnamen wie „Heil aller Welt“ oder „König aller Heilkräuter“ wurde Odermennig-Tee traditionell als Universalmittel genossen. Wegen des angenehm leicht marillenartigen Geschmacks war er als täglicher Haustee geschätzt. Anwendung fand er bei Leber-, Galle- und Nierenleiden, Husten, Heiserkeit (beliebt bei Sängern und Rednern als Gurgelmittel), Durchfall sowie äußerlich in Form von Pulver oder Absuden zur Wundwaschung und Geschwürbehandlung. In Wein eingelegter Odermennig galt als Mittel zur Magenerwärmung und Schleimreinigung bei wiederkehrendem Erbrechen.

5. Odermennig in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)

Moderne botanische Fotografie von Agrimonia eupatoria neben traditionellen TCM-Utensilien wie Mörser und Waage in heller Umgebung
Agrimonia eupatoria in der Traditionellen Chinesischen Medizin

In der Traditionellen Chinesischen Medizin findet eine eng verwandte Art, Agrimonia pilosa Ledeb. (sowie synonym Agrimonia eupatoria), unter dem Namen Xian He Cao (鹤草) seit Jahrhunderten intensiven Einsatz.

TCM-Name: Xian He Cao (仙鹤草 – „Kranichkraut“)

Thermische Wirkung: Kühl / Kalt (Senkt Hitze)

Geschmack: Bitter, Adstringierend (Sauer)

Organzuordnung (Meridiane): Leber, Gallenblase, Lunge, Dickdarm

TCM-Funktion: Stoppt Blutungen (Hemostatischer Effekt), klärt Feuchte Hitze, beseitigt Parasiten

Moderne pharmakologische Untersuchungen in China bestätigen, dass Extraktionen aus Xian He Cao die Blutgerinnungskaskade stimulieren und die Thrombozytenaggregation beschleunigen können, wodurch die Blutgerinnungszeit verkürzt wird. Aus diesem Grund wird die Pflanze in der TCM zur Blutstillung bei Hämoptoe (Bluthusten), Epistaxis (Nasenbluten), Hämaturie (Blut im Urin) sowie hypermenorrhoischen Blutungen angewendet.

6. Magische Vorstellungen, Ethnobotanik und Bachblüten-Therapie

Neben der rein pharmakologischen Relevanz besitzt der Odermennig eine reiche ethnobotanische Tradition, die einen faszinierenden Einblick in das Weltbild früherer Epochen bietet.

Mythologie und Volksglaube

  • Kräuterweihe zu Mariä Himmelfahrt (15. August): In der mitteleuropäischen Tradition ist der Odermennig fester Bestandteil des „Kräuterbuschens“, der an Mariä Himmelfahrt geweiht wird. Ihm wurden schützende Kräfte gegen Blitzschlag, Unwetter und Dämonen zugeschrieben.
  • Ernteorakel und Agrar-Brauchtum: Für Landwirte diente der Blütenstand als natürliches Phänologie-Orakel: Blühte der Odermennig von unten nach oben spät oder unregelmäßig, rechnete man mit einer späten Ernte oder einem harten Winter.
  • Liebes- und Zauberzauber: In alten Kräuterbüchern wurde beschrieben, dass Odermennig gemeinsam mit Eisenkraut (Verbena officinalis) und Enzian (Gentiana) zu Liebestränken verarbeitet werden konnte. Der Volksglaube besagte auch, dass ein Mann, der Odermennig an Karfreitag mit einem Werkzeug aus Gold oder Silber ausgrub, sich die Zuneigung der Frauen sichern könne. In die Schuhe gelegt, sollte der Odermennig – ähnlich wie der Beifuß – Ermüdung auf langen Fußmärschen verhindern.
  • Nicht-medizinische Nutzen: Das krautige Material enthält Farbstoffe, die Wolle, Seide und Haare in leuchtend gelben bis oliven Tönen färben. Durch den hohen Tanningehalt dienten die Pflanzenteile früher dem Gerben von Leder. Die getrockneten Wurzeln entfalten einen süßlich-holzigen Duft und werden in Riechkissen und Duftpotpourris verarbeitet.
  • Astrologische & Energetische Zuordnung: In der historischen Signaturenlehre und Astromedizin wurde der Odermennig den Planeten Sonne und Jupiter zugeordnet. Als edelsteinbasierte Unterstützung nannte man Mineralien wie Azurit, Bernstein, Jaspis und Sarder.

Agrimony in der Bachblüten-Behandlung

Helle, ästhetische Aufnahme einer Pipettenflasche der Bachblüte Agrimony (Agrimonia eupatoria) vor weichem, natürlichem Licht
Die Blüte für innere Ehrlichkeit und Frieden

Dr. Edward Bach wählte den Odermennig als Bachblüte Nr. 1 („Agrimony“) aus. In diesem System repräsentiert Agrimony das Thema „Ehrlichkeit und innere Wahrheit“.

„Agrimony richtet sich an Menschen, die ihre inneren Sorgen, Ängste und seelischen Konflikte hinter einer Maske aus Fröhlichkeit, Optimismus und Harmoniesucht verbergen, um Auseinandersetzungen zu meiden.“

Die Essenz soll nach dem Konzept von Bach dabei helfen, von einer oberflächlichen, erzwungenen Harmonie zu echtem inneren Frieden, Selbstakzeptanz und Ehrlichkeit gegenüber den eigenen Gefühlen zu gelangen.

7. Praktische Rezepturen und Dosierungsempfehlungen

Dampfende Tasse frischer Odermennig-Tee auf einem Holztisch, daneben lose getrocknete Agrimonia eupatoria Kräuter
Traditionelle Tee-Zubereitung für Magen, Darm und Hals

Für die medizinische Praxis und die eigenständige Anwendung stehen verschiedene Zubereitungsformen zur Verfügung.

1. Odermennig-Tee (Infus)

Anwendungsgebiete: Leicht unspezifischer Durchfall, Magen-Darm-Krämpfe, Unterstützung von Leber und Galle.

  • Dosierung: 1,5 bis 2 Teelöffel (ca. 2 bis 3 g) getrocknetes Odermennigkraut (Agrimoniae herba).
  • Zubereitung: Mit ca. 250 ml kochendem Wasser übergießen, abgedeckt 5 bis 8 Minuten ziehen lassen und anschließend durch ein Teesieb abseihen.
  • Einnahme: 2- bis 3-mal täglich eine Tasse frischen Tee zwischen den Mahlzeiten trinken.

2. Gurgel- und Spüllösung (Mund- und Rachenraum)

  • Zubereitung: 3 bis 4 g Kraut mit 150 ml kochendem Wasser übergießen und 10 Minuten ziehen lassen. Den Aufguss abkühlen lassen.
  • Anwendung: Mehrmals täglich mit dem lauwarmen Tee für 1–2 Minuten gurgeln oder den Mund spülen bei Halsschmerzen, Zahnfleischentzündungen oder Aphten.

3. Klassische Odermennig-Tinktur

  • Herstellung: Eine Handvoll getrocknete Odermennigblüten und -blätter in ein Weitglas geben und mit mind. 40 %-igem Alkohol (Korn, Wodka oder Weingeist) vollständig bedecken. Verschlossen an einem warmen, schattigen Ort 4 bis 6 Wochen ziehen lassen, täglich sanft schütteln. Danach durch ein Feinsieb filtern und in dunkle Tropfflaschen abfüllen.
  • Dosierung: 2- bis 3-mal täglich 10 bis 15 Tropfen in etwas Wasser einnehmen.

8. Sicherheit, Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Obwohl Agrimonia eupatoria als sehr gut verträgliches Phytotherapeutikum gilt, sind aufgrund des hohen Gerbstoffgehalts medizinische Vorsichtsmaßnahmen zu beachten:

  • Magenreizungen: Personen mit sehr empfindlichem Magen oder Ulcus ventriculi (Magengeschwür) können bei nüchterner Einnahme hochdosierter Gerbstoffpräparate mit leichten Magenbeschwerden oder Übelkeit reagieren. In solchen Fällen empfiehlt sich die Einnahme nach den Mahlzeiten.
  • Resorptionsbehinderung von Medikamenten: Gerbstoffe können die Absorption von zeitgleich eingenommenen Arzneistoffen (insbesondere Eisenpräparaten, Alkaloiden und oralen Diabetika) im Magen-Darm-Trakt vermindern. Zwischen der Einnahme von Odermennig-Präparaten und anderen Medikamenten sollte ein Zeitabstand von mindestens 1 bis 2 Stunden eingehalten werden.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Da keine ausreichenden wissenschaftlichen Daten zur Sicherheit während der Schwangerschaft und Stillzeit vorliegen, wird von einer innerlichen Anwendung in dieser Phase abgeraten.
  • Gallensteinleiden: Bei Vorliegen bekannter Gallensteine oder eines Verschlusses der Gallenwege sollte die Anwendung von gallenanregenden Pflanzen nur nach Rücksprache mit dem Arzt erfolgen.

9. Fazit

Der Kleine Odermennig (Agrimonia eupatoria) ist weit mehr als ein nostalgisches Heilkraut aus alten Kräuterbüchern. Seine phytochemische Zusammensetzung aus Ellagitanninen (insbesondere Agrimoniin), Flavonoiden und Triterpene verleiht ihm eine nachgewiesene, wissenschaftlich fundierte Adstringenz sowie entzündungshemmende Wirkung. Ob als sanftes Durchfallmittel, wirksame Gurgellösung bei Pharyngitis oder hautberuhigender Umschlag – der Odermennig bereichert die moderne evidenzbasierte Pflanzenheilkunde nachhaltig.

  1. European Medicines Agency (EMA) / HMPC: Assessment report on Agrimonia eupatoria L., herba. EMA/HMPC/81005/2013.
  2. Commission E Monographs: Agrimoniae herba (Odermennigkraut). Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).
  3. Santos, T. N., et al. (2017): Agrimonia eupatoria L. polyphenols: Chemical characterization and anti-inflammatory potential. Journal of Ethnopharmacology, 206, 85-95.
  4. Koupacheva, A., et al. (2011): Antioxidant and hepatoprotective activity of Agrimonia eupatoria L. extract in rodents. Phytotherapy Research, 25(6), 883-889.
  5. Ivanova, D., et al. (2005): Polyphenols and antioxidant capacity of Bulgarian medicinal plants. Journal of Ethnopharmacology, 96(1-2), 145-150.
  6. Tadić, V. M., et al. (2012): In vivo anti-inflammatory and gastroprotective activity of Agrimonia eupatoria L. extracts. Journal of Medicinal Food, 15(12), 1082-1089.
  7. Chinese Pharmacopoeia Commission (2020): Pharmacopoeia of the People’s Republic of China (Xian He Cao).

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